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20.06.2019

Weltweites Experiment: Konflikt zwischen Ehrlichkeit und Eigennutz

Anlass

Wer je seine Börse mit Geld, persönlichen Papieren und Hausschlüssel verloren hat, kennt die vage Hoffnung, ein ehrlicher Finder werde sich melden. Ehrlichkeit ist eine der tragenden Säulen im Sozialverhalten, ohne die keine Zivilgesellschaft funktionieren kann. Dabei steht hier die Ehrlichkeit im Widerstreit zu einem unverhofften materiellen Gewinn des Finders. Entscheiden sich Menschen eher für unehrliches Verhalten, wenn sie einen finanziellen Vorteil mitnehmen können?

Verhaltensökonomen und -ethiker aus den USA und der Schweiz um Alain Cohn haben diesen inneren moralischen Konflikt zwischen Ehrlichkeit und Eigennutz in einem weltweiten Feldversuch untersucht. Die Arbeit erschien im Fachjournal Science (siehe Primärquelle).

In 355 Metropolen in 40 Ländern der Erde stellten die Forscher Menschen auf die Probe: Jemand gab vor, eine Brieftasche gefunden zu haben, sei in Eile und übergab sie einer fremden Person an einem offiziellen Ort wie einer Information oder Rezeption, einem Bank- oder Postschalter, einer Polizei-Wache oder einer anderen öffentlichen Anlaufstelle. Die durchsichtigen Brieftaschen waren durchgängig bestückt mit persönlicher Visitenkarte, darauf Name und Adresse, einer Einkaufsliste, einem Schlüssel und – zufällig verteilt – mit einem mittleren oder einem hohen Geldbetrag, aber manchmal auch ganz ohne Geld. Die Geldsumme war in Landes-Währung und dem regionalen Lebensstandard angepasst.

Was mit diesen insgesamt 17.303 Brieftaschen passierte, wer und ob sich jemand meldete bei der angegebenen Adresse und wie sich Länder im Verhalten unterscheiden – das überraschte nicht nur die Forscher, sondern auch Finanz- und Ethik-Experten, die vorhersagen sollten, wie sich die Finder entscheiden. Anders als man erwarten würde belegt die Studie: Die Bereitschaft, sich ehrlich zu verhalten, steigt signifikant, je mehr Geld in der Börse ist. Im Schnitt stieg die Rückgabequote von 40 Prozent bei Börsen ohne Geld auf 51 Prozent, wenn Geld in Höhe von etwa 13 US-Dollar enthalten war.

Die Autoren haben im Supplement zur Veröffentlichung alle Rohdaten zur Verfügung gestellt. Das SMC Lab hat diese länderspezifischen Rückgabequoten auf statistische Signifikanz geprüft. Die Rückgabequoten steigern sich statistisch signifikant in Ländern wie Dänemark, das an der Spitze aller Länder steht, von 68 Prozent ohne Geld auf 82 Prozent mit Geld im Portemonnaie, es folgen Schweden, Neuseeland, Tschechien und Australien bis hinunter am Ende der Liste China mit einer signifikanten Steigerung von 7 auf 22 Prozent Rückgabequote ohne und mit Geld. Dagegen sind in Ländern wie der Schweiz, Norwegen, den Niederlanden, Polen und Deutschland (Rückgabequote steigert sich von 55 auf 65 Prozent) die Steigerungen statistisch nicht signifikant, so dass man mit länderspezifischen Aussagen zurückhaltend sein sollte, so auch die Autoren bei der Vorstellung ihres Papers auf der Pressekonferenz. Die politischen Entscheidungsträger sollten, so die Autoren dort, die Förderung ehrlichen Verhaltens nicht unterschätzen, etwa Menschen zu sensibilisieren für die negativen Folgen ihres Handelns auf andere. Das ändert nichts am globalen, länderübergreifenden Trend: Menschen handeln wesentlich ehrlicher als man gemeinhin unterstellt.

 

Übersicht 

  • Prof. Dr. Benjamin Enke, Assistant Professor, Department of Economics, Harvard University, Cambridge, Vereinigte Staaten
  • Prof. Dr. Simon Gächter, Professor of Psychology of Economic Decision Making, Faculty of Social Sciences, University of Nottingham, Vereinigtes Königreich
  • Prof. Dr. Johannes Haushofer, Assistant Professor of Psychology and Public Affairs, Princeton University, Vereinigte Staaten

Statements

Prof. Dr. Benjamin Enke

Assistant Professor, Department of Economics, Harvard University, Cambridge, Vereinigte Staaten

„Das Papier von Cohn et al. stellt eine intellektuell und logistisch herausragende Arbeit dar. Die Frage, welche Anreize oder kulturellen Faktoren Ehrlichkeit oder prosoziales Verhalten gegenüber fremden Mitmenschen bedingen, ist eine Kernkomponente wirtschaftswissenschaftlichen, psychologischen und anthropologischen Interesses. Die allermeisten Menschen sind meistens ehrlich zu oder prosozial gegenüber ihrer Familie oder Freunden, doch Prosozialität gegenüber Fremden variiert teilweise dramatisch. Oft spricht man diesbezüglich vom „sozialen Kapital“ einer Gesellschaft. Dieses soziale Kapital wurde in früheren Studien durch reine Fragebögen oder abstrakte Laborexperimente mit relativ wenigen Versuchspersonen gemessen. Cohn et al. liefern nun einen Meilenstein in dieser Forschung, indem sie soziales Kapital in einem Feldversuch mit Tausenden von ahnungslosen Teilnehmenden in 40 Ländern messen. Die Kernergebnisse sind (i) starke kulturelle Unterschiede in prosozialem Verhalten gegenüber Fremden und (ii) dass Menschen eher bereit sind, ein Portemonnaie zurückzubringen, wenn es mehr Geld enthält. Insbesondere das zweite Resultat ist auf den ersten Blick sehr überraschend und suggeriert, dass Menschen eine grundlegende Aversion gegenüber dem Stehlen haben. Diese Aversion ist wahrscheinlich durch soziale und moralische Normen kulturell geprägt: Sie ist gesamtgesellschaftlich zu verstehen, nicht rein individuell.“

„Starke kulturelle Unterschiede in prosozialem Verhalten gegenüber Fremden wurden auch in anderen Studien identifiziert, doch der vorliegende Feldversuch stellt eine einzigartige Datenbank mit hoher Verallgemeinerbarkeit dar. Eine Kernfrage für künftige Forschung wird sein, was genau diese kulturellen Unterschiede bewirkt. Frühere Studien haben diesbezüglich einen starken Zusammenhang zwischen historischer Variation in Familiensystemen und Prosozialität festgestellt, wobei Gesellschaften mit historisch relativ engen erweiterten Familienstrukturen ein niedrigeres Maß an Prosozialität gegenüber Fremden aufweisen. Eine Kernfrage ökonomischer und psychologischer Studien wird bleiben, wie hier die kausalen Zusammenhänge verlaufen und ob und wie ganze Gesellschaften Prosozialität gegenüber Fremden „lernen“ können.“

Prof. Dr. Simon Gächter

Professor of Psychology of Economic Decision Making, Faculty of Social Sciences, University of Nottingham, Vereinigtes Königreich

„Die Fragestellung dieser Studie ist von fundamentaler Bedeutung für das Funktionieren von Gesellschaften. Der Grund ist, dass in vielen Situationen nur Ehrlichkeit die Leute von sozial schädlichem Verhalten abhält. Das realistische Experiment in dieser Studie ist ein klares Beispiel dafür: Eigennutz würde dazu führen, die Geldbörse zu behalten, und damit den Besitzer schädigen, weil der rechtmäßige Besitzer um sein Eigentum geprellt wird. Solch eigennütziges Verhalten würde sicherlich auch mittel- und langfristig das Vertrauen der Bevölkerung untereinander und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt unterminieren.“

„Experimente mit verlorenen Geldbörsen sind nicht neu, aber diese Studie ist meines Wissens die bei weitem umfassendste ihrer Art. Die Tatsache, dass das Experiment in 40 Ländern und in jedem Land in vielen verschiedenen Orten durchgeführt worden ist, ist meines Erachtens einzigartig.“

„In Bezug auf die Messung von Ehrlichkeit in verschiedenen Gesellschaften gab es bis jetzt nur eine länderübergreifende Studie, publiziert von mir und Jonathan Schulz [1], welche in „nur“ 23 Ländern und typischerweise nur an einem Ort, durchgeführt worden ist. In unserem Experiment wurde Ehrlichkeit in einem Würfelspiel gemessen, während in dieser Studie ein realitätsnäheres Experiment durchgeführt worden ist. Die Ergebnisse sind durchaus konsistent miteinander, in dem Sinne dass es große Unterschiede zwischen Gesellschaften gibt, aber Ehrlichkeit in allen Gesellschaften höher ist als mit dem Homo oeconomicus vereinbar ist. Vor dem Hintergrund unserer eigenen Studie hat mich das Hauptergebnis nicht sehr überrascht, obwohl es viele interessante Details gibt, die überraschend sind, zum Beispiel, dass die meisten Menschen denken, dass die Rückgabequote dann am niedrigsten ist, wenn viel Geld in der Geldbörse ist.“

„Die Studie ist sehr umfassend und detailreich, obwohl viele interessante Dinge im Appendix „versteckt“ sind. So wäre es interessant gewesen, mehr über die Gründe für die große Variation zwischen den Gesellschaften (Fig. 1) zu erfahren.“

„Der Vorteil dieses Experiments ist seine „Realitätsnähe“. Ehrlichkeit wird hier in einer natürlichen Situation gemessen. Weil das Experiment auch die Höhe der Geldbeträge variiert hat, kann die Studie auch etwas über die Bedeutung von Geldmotiven und Ehrlichkeit sagen. So ist auch eines der interessantesten Ergebnisse der Studie die Tatsache, dass fast überall die Geldbörse öfters retourniert wurde, wenn Geld darin war, denn wenn kein Geld drin war. Das bedeutet, dass Ehrlichkeit gegenüber anderen auch vom Schaden für den Betroffenen motiviert ist.“

„Die Studie sagt nicht viel (im Haupttext) über die Ursachen für die große Variation zwischen den Gesellschaften aus. Die Daten unserer Studie in Nature legen nahe, dass Ehrlichkeit vom Ausmaß an typischen „Regelverletzungen“ in einer Gesellschaft (Korruption, Steuerhinterziehung, politische Korruption) beeinflusst wird: je weniger Regelverletzungen, desto ehrlicher. Mein erster Eindruck von den Daten legt nahe, dass die Daten dieser Studie mit dieser Erklärung konsistent sind.“

„Der Homo oeconomicus wird von der Wissenschaft schon lange als Randfigur betrachtet. Die allermeisten Menschen sind nicht aussschließlich eigennützig (obwohl es diese Menschen gibt!) und dieses Experiment bestätigt diese bekannte Tatsache eindrucksvoll aufs Neue. Dieses Experiment sagt uns aber NICHTS über Rationalität: Ehrlichkeit ist nicht per se irrational.“

Prof. Dr. Johannes Haushofer

Assistant Professor of Psychology and Public Affairs, Princeton University, Vereinigte Staaten

„In dieser Studie geht es um eine Frage, die sowohl für Wissenschaftler als auch für Laien hochinteressant ist: Wie ändert sich Ehrlichkeit, wenn sich die auf dem Spiel stehende Summe ändert, und wie unterscheiden sich verschiedene Länder darin? Die Studie beantwortet diese Fragen mit einem außerordentlich aufwendigen Experiment, in dem mehr als 17000 Geldbörsen in Einrichtungen und Organisationen in 40 Ländern abgegeben wurden. Die Autoren finden heraus, dass Ehrlichkeit mit dem auf dem Spiel stehenden Betrag größer und nicht kleiner wird. Das ist sehr überraschend, und die Studie zeigt, dass sowohl Laien als auch Experten diesen Effekt nicht vorhersagen können. Was die Studie aber noch interessanter macht, ist, dass die Autoren sorgfältig über die Beweggründe nachdenken, die dieser Ehrlichkeit zugrundeliegen könnte, und ihre Theorie dazu in mehreren höchst cleveren Folgeexperimenten überprüfen. Diese Folgeexperimente zeigen, dass die Beweggründe einerseits Besorgnis um die Besitzer der Geldbörsen sind, andererseits Besorgnis um das Bild, das man von sich selbst hat.“

„Diese Studie ist eine sozialwissenschaftliche tour de force. Die Größenordnung dieses Experimentes ist wirklich außergewöhnlich und sucht in der Sozialwissenschaft ihresgleichen. Die Sauberkeit des experimentellen Designs, die erlaubt, auch subtile theoretische Erklärungen zu überprüfen, ist noch beeindruckender. Eine wirklich hervorragende Studie.“

„Diese Studie ist auch deshalb beeindruckend, weil Ehrlichkeit ‚in der freien Wildbahn‘ untersucht wird: Die verlorene Geldbörse ist eine plausible Alltagssituation. Die große Anzahl der untersuchten Länder und die fast identischen Ergebnisse über Ländergrenzen hinweg deuten darauf hin, dass das beobachtete Verhalten universal ist. Die experimentelle Überprüfung von verschiedenen möglichen Beweggründen für Ehrlichkeit ist außergewöhnlich sorgfältig und überzeugend.“

Auf die Frage, wie man sich die großen Unterschiede weltweit erklären kann:
„Da kann man nur spekulieren. Die Autoren sind da beispielhaft und lassen sich auf kein Ratespiel ein. Ich will es auch nicht tun.“

„Die Situation mit der Geldbörse ist deswegen gut gewählt, weil sie eine plausible Alltagssituation darstellt und eine fast schon prototypische Überprüfung von Ehrlichkeit zulässt. Es kann natürlich sein, dass es andere Bereiche gibt, wo materielle Anreize die Ehrlichkeit verringern, aber das müsste erst plausibel gemacht und dann experimentell gezeigt werden.“

„Meine Vorhersage ist, dass diese Studie eine ganze Reihe von Folgeuntersuchungen anregen wird, die uns mehr über die Faktoren sagen, die ehrliches Verhalten ermöglichen. Dank der Studie von Cohn und Kollegen wissen wir jetzt, dass materielle Anreize ein Faktor sind - das ist unerwartet und sehr wichtig zu wissen.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine angegeben.

Primärquelle

Cohn A et al. (2019): Civic honesty around the globe. Science. DOI: 10.1126/science.aau8712. 

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Gächter S et al. (2016): Intrinsic honesty and the prevalence of rule violations across societies. Nature volume 531, pages 496–499. DOI: 10.1038/nature17160.