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25.05.2018

Technik-Radar: Einstellung der Deutschen zur Technik

Anlass

Wenn Deutsche den Bau neuer Fabriken kritisch sehen, neue Kraftwerke, Straßen, gentechnisch veränderte Pflanzen oder die Lagerung von Kohlendioxid ablehnen, kursiert schnell das Bild vom technikfeindlichen Deutschen. Zwar wurden in den vergangenen 30 Jahren Studien veröffentlicht, die diesem Bild entgegenstehen, doch der Gedanke taucht immer wieder auf.Diesem widerspricht jetzt ein neuer Bericht, das Technik-Radar. Das hat das Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Universität Stuttgart im Auftrag der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech und der Körber-Stiftung erstellt. Der Bericht zeigt – neben vielen Details in Einzelfragen: 73,7 Prozent der Deutschen ist es wichtig, dass Technik mit gesellschaftlichen Werten wie Gerechtigkeit oder Umweltschutz im Einklang steht. Dann begrüßen sie ihren Einsatz. Wenn Technik und soziale Werte dagegen in Widerspruch stehen – wie etwa beim drohenden Arbeitsplatzverlust durch die Digitalisierung oder bei Robotern in der Pflege – sind die Deutschen unentschieden oder lehnen sie ab.

Übersicht

  • Dr. Andreas Bett, Direktor, Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, Freiburg
  • Prof. Dr. Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie/ Ethik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats
  • Prof. Dr. Armin Grunwald, Leiter am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Statements

Dr. Andreas Bett

Institutsleiter, Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, Freiburg

„Das Technik-Radar ist eine nützliche und sinnvolle Lektüre. Die Ergebnisse des Technik-Radars können aus meiner Sicht helfen, den Dialog zwischen den Entwicklern und den Nutzern zu intensivieren und zu verbessern. Diese Art von wissenschaftlich fundierter Untersuchung sollte regelmäßig durchgeführt werden, um Änderungen und damit langfristige Trends zu erkennen. Die Grundtendenzen bei der nun vorliegenden Umfrage überraschen nicht: Die Deutschen haben eine kritische Distanz zur Technik, sind im Grundsatz dennoch der Technik gegenüber aufgeschlossen und glauben, dass sich die technischen Entwicklungen global gesehen nicht aufhalten lassen.“

„Die Fragen zu einzelnen Technikbereichen brachten für mich keine Überraschungen. So wurde der Einsatz erneuerbarer Energien zur Bekämpfung der Klimaerwärmung als positiv bewertet. Ob es Unterschiede zwischen Wind- und Photovoltaikanlagen gibt, wurde in dieser Studie nicht abgefragt, ist aber aus meiner Sicht eine Realität. Erfreulicherweise wird der Einsatz der erneuerbaren Energien generell als vergleichsweise risikolos bewertet. Das ist deshalb sehr erfreulich, da von Gegnern der Energiewende zuweilen auch das Szenario des Zusammenbruchs des Energiesystems propagiert wird.“

„Ein sehr interessantes Ergebnis der Studie ist die Differenzierung zwischen den Geschlechtern. Zunächst bestätigt das Technik-Radar die eher traditionelle Sichtweise, dass Männer technikfreundlich sind, Frauen weniger. Ganz erfreulich ist, dass sich das in der Altersgruppe bis 35 Jahre nicht mehr so eindeutig darstellt. Hier scheint sich ein Wandel in der Gesellschaft anzudeuten. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob sich dieser Trend in den kommenden Jahren wirklich fortsetzt. Es wäre zu wünschen, dass sich Frauen auch mehr in technischen Berufen ausbilden lassen – hier ist immer noch eine deutliche Diskrepanz vorhanden, die sich letztlich auch in den Ergebnissen des Technik-Radars widerspiegelt.“

Prof. Dr. Peter Dabrock

Professor für Systematische Theologie/ Ethik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

Hinweis der Redaktion: Prof. Dr. Peter Dabrock weist darauf hin, dass das folgende Statement keine offizielle Stellungnahme des Deutschen Ethikrats ist.

„In aufgeregten Zeiten kommt eine Meldung mit drei guten, weil normalen Nachrichten daher: Erstens wird nun regelmäßig untersucht werden, wie es um der Deutschen Verhältnis zur Technik bestellt ist. Das ist deswegen wichtig, weil es in einem Land, dessen Wirtschaft wesentlich von Hochtechnologien abhängig ist, von essentieller Bedeutung ist, zu wissen, ob die Grundlage von Wohlstand und damit auch von sozialem Zusammenhalt in der Bevölkerung einen prinzipiellen Rückhalt besitzt oder nicht. Zweitens: Die Deutschen sind nicht technikfeindlich. Das wird ihnen ja oft unterstellt. Aber sie haben ein offenes Verhältnis, ohne jedoch in Technikeuphorie zu verfallen. Das ist die dritte gute Nachricht. Wenn die Deutschen mehrheitlich eine Reserve gegenüber Technik äußern, dann hängt dies damit zusammen, dass sie sich einen Blick für die gesellschaftlichen Konsequenzen des Einsatzes von Technik bewahrt haben.“

„Für viele Deutsche kommt es eben darauf an, ob Technik den Menschen dient oder der Mensch der Technik gehorchen soll. Eine solche Einstellung, die weder Technikeuphorie noch Technikfeindschaft das Wort redet, ist deshalb zu begrüßen, weil sie Forschung und Industrie einerseits grundsätzlich offen gegenüber steht, andererseits ihnen aber auch Hausaufgaben mit auf den Weg gibt: Nur wenn Forschung und Industrie eine Sensibilität für ihre soziale und ökologische Verantwortung wahren, schenken die Deutschen ihnen vertieftes Vertrauen. Dieses Vertrauen wird nicht blind gewährt, sondern muss sich immer neu bewähren. Gelingt es Forschung und Industrie, dieses Vertrauen zu gewinnen, dann stellt die deutsche Gesellschaft einen soliden, das heißt eben auch nicht unkritischen Rahmen für den Hochtechnologiestandort bereit.“

Prof. Dr. Armin Grunwald

Leiter am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

„Die Geschichte von den technikfeindlichen Deutschen war eine Erfindung für einen Wahlkampf in den 1980er Jahren. Trotz vielfältiger Widerlegung lebt sie fröhlich weiter, gerade in Wirtschaft und Wissenschaft, wo doch eigentlich Fakten statt Legenden zählen sollten. Das Technik-Radar von acatech zeigt demgegenüber deutlich, wie pragmatisch die Deutschen zur Technik stehen. Weder blinde Technikgläubigkeit noch fundamentale Opposition sind angesagt. Bürger und Bürgerinnen erwarten ganz einfach, dass neue Technik gut für die Gesellschaft ist und im Einklang mit ihren Wertvorstellungen steht. Dabei steht der individuelle Nutzen hoch – noch höher jedoch der für die Gesellschaft insgesamt erwartete Nutzen. Und wo die Bürger Zweifel daran haben, werden kritische Fragen gestellt. Das ist doch genau das, was eine Gesellschaft von ihren mündigen Bürgern erwarten sollte!“

„Für die Technikwissenschaften, aber auch für Politik und Wirtschaft, enthält die Studie klare Signale, wenn zum Beispiel in die Zuverlässigkeit autonomer Autos immer noch kein Vertrauen besteht oder wenn vom Einsatz von Pflegerobotern Nachteile in sozialer Hinsicht befürchtet werden. Hier gilt es etwas zu tun, damit sich das ändert! Statt über eine nicht existente Technikfeindlichkeit der Deutschen zu lamentieren und damit möglicherweise von eigenen Versäumnissen abzulenken, sollten die Signale dieser Studie in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ernst genommen werden. Das Vertrauen von Bürgerinnen und Bürgern, von Techniknutzern und Betroffenen gilt es immer wieder durch gute Arbeit und Transparenz zu erwerben!“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Armin Grunwald: „Ich bin Mitglied im Präsidium von acatech.“
Alle anderen:
Keine angegeben.

Primärquelle

Acatech/Körber-Stiftung (2018): Technik-Radar 2018. Was die Deutschen über Technik denken.