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05.08.2019

Mensch-Affe-Mischwesen in China

Anlass

Ende Juli elektrisierte die Meldung „Japan erlaubt Geburt von Mischwesen aus Mensch und Tier“ auf Spiegel Online die deutschen Medien. Die spanische Zeitschrift „El Pais“ berichtete Ende Juli von Experimenten (siehe Primärquelle), bei denen angeblich menschliche, induziert pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) in Embryonen von nicht menschlichen Affen, wahrscheinlich Makaken, verpflanzt wurden, um deren Entwicklungspotenzial bei näheren Verwandten des Menschen zu erforschen als bei den japanischen Versuchen mit Mäusen, Ratten und Schweinen. Diese ethisch besonders umstrittenen Experimente mit nicht menschlichen Affen erfolgten nach Angaben der Zeitung in Zusammenarbeit mit spanischen und chinesischen Forschern in China und seien zur Publikation bei einer renommierten Fachzeitschrift eingereicht.

Der Leiter dieser Experimente soll der Wissenschaftler Juan Carlos Izpisua Belmonte vom renommierten Salk Institute in San Diego sein. Dieser hatte bereits 2017 in der Fachzeitschrift „Cell“ über damals weitgehend vergebliche Versuche berichtet, menschliche iPS-Zellen an der Entwicklung von frühen Schweineembryonen zu beteiligen [I]. Nur sehr wenige Zellen menschlichen Ursprungs ließen sich dabei im 28 Tage alten Embryo wiederfinden; der Zeitungsbericht von El Pais spricht von einer pro 100.000 Schweinezellen – von einer chimären Organbildung konnte also aufgrund der hohen Artenbarriere keine Rede sein. In einem Fachaufsatz von 2015 hatte Belmonte mit US-Forschern vermehrte Experimente an nicht menschlichen Primaten gefordert, weil diese näher mit dem Menschen verwandt seien und China massiv in diesen besonders heiklen Bereich von Tierversuchen investiere [II]. Offenbar lässt Belmonte inzwischen erste Affenversuche in China durchführen.

Auch der in Japan und zugleich an der kalifornischen Universität Stanford forschende Hiromitsu Nakauchi publizierte bereits am 4. Juni auf dem Preprint-Server bioRxiv eine allerdings bisher nicht begutachtete Forschungsarbeit, bei der iPS-Zellen von Schimpansen in 99 rund fünf Tage alte Embryonen von Makaken injiziert wurden, die zwei Tage nach der Injektion angeblich „cross-species chimeras“ bildeten. Die Autoren schreiben: „Erstaunlich ist, dass die Schimpansen-iPSC in der Nähe der inneren Zellmasse (ICM) von Embryonen von Rhesus-Makaken überlebt, sich vermehrt und integriert haben“ [III]. Ob sich diese Ergebnisse auch mit menschlichen iPS-Zellen erzielen ließen, lässt der Bericht offen.

Der renommierte Forscher Nakauchi will offenbar in einem stufenweisen Prozess menschliche induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) in sich entwickelnde tierische Embryonen verpflanzen, um erforschen zu können, unter welchen Bedingungen sich menschliche Zellen in eine Organentwicklung von Versuchstieren einbinden lassen. Fernes Ziel wäre damit die Züchtung menschlicher Organe in Tieren. Zunächst sind bei der Genehmigung der ersten Experimente in Japan keine Geburten von möglicherweise chimären Mäusen, Ratten oder Schweinen geplant. Erlaubt wurde zunächst die Entwicklung von chimären Embryonen über die in Japan bisher gültige 14-Tage-Regel hinaus. Ob und wann die Experimente erstmals in eine Geburt einer Chimäre aus Mensch und Tier münden, bleibt trotz der japanischen Berichte vorerst unklar. Nakauchi selbst erklärte, er plane derzeit keine solche Geburt, sondern er wolle im Rahmen von Grundlagen-Versuchen zunächst klären, ob und wenn ja, unter welchen Umständen menschliche iPS-Zellen bei der Organbildung in Nagern und Schweinen mitwirken könnten. Bisherige Versuche dieser Komplementation – also einer genetischen Erweiterung – in Schweinen und Schafen waren wenig erfolgreich, weil sich die Differenzierung der menschlichen iPS-Zellen offenbar nicht mit den tierischen synchronisieren ließ.

Übersicht

  • Prof. Dr. Hille Haker, Richard McCormick Endowed Chair für Christliche Ethik, Loyola University Chicago, Vereinigte Staaten von Amerika, und ehemaliges Mitglied der Europäischen Gruppe für Ethik in den Wissenschaften und Neuen Technologien der Europäischen Kommission (EGE), 2005 bis 2016
  • Prof. Dr. Jochen Taupitz, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Biomedizin der Universitäten Heidelberg und Mannheim, Universität Mannheim
  • Prof. Dr. Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie/ Ethik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen, und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats
  • Prof. Dr. Rüdiger Behr, Leiter der Abteilung Degenerative Erkrankungen, Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung (DPZ), Göttingen
  • Prof. Dr. Stefan Schlatt, Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie, Universitätsklinikum Münster
  • Prof. Dr. Wieland Huttner, Leiter der Gruppe „neural stem and progenitor cells and neocortex expansion in development and evolution”, Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (CBG), Dresden

Statements

Prof. Dr. Hille Haker

Richard McCormick Endowed Chair für Christliche Ethik, Loyola University Chicago, Vereinigte Staaten von Amerika, und ehemaliges Mitglied der Europäischen Gruppe für Ethik in den Wissenschaften und Neuen Technologien der Europäischen Kommission (EGE), 2005 bis 2016

„Die beiden Studienreihen von Nakauchi und Belmonte müssen gründlich verglichen werden – das geht nicht auf der Grundlage der vorliegenden Informationen. Das heißt: Vorsicht gegenüber jeder vorschnellen ethischen Bewertung! Allerdings: Interessant ist, dass jetzt zeitnah die verschiedenen Forschungen öffentlich werden. Das birgt eine gute Gelegenheit, um endlich eine Diskussion in Gang zu bringen, die ansonsten in den Hinterzimmern der Ethik-Kommissionen und Ethik-Zentren verschwindet.“

„Klinische Relevanz und Erfolgsaussichten beziehen sich derzeit auf die Ziele und Visionen, nämlich Organe zu züchten und die Tiere als Containerkörper zu verwenden. Das ist ungefähr so, wie früher gedacht wurde, dass der Uterus der Frau der Container für den Samen ist, der den ganzen Menschen enthält und nur noch den richtigen Nährboden braucht. – Vorsicht bei den Bildern, die mittransportiert werden.“

„Der klinische Vorteil ist groß, da unter Umständen die Immunreaktionen, die ansonsten in der Xenotransplantation von Organen ein Hindernis ist, umgangen werden können.“

„Ein paar grundsätzliche Bemerkungen zu den ethischen Fragen:

Tierrecht und Tierwohl. Tierschutz ist in jedem Fall an die erste Stelle der ethischen Abwägungen zu stellen. Das gilt für Mäuse, Schweine und Affen in gleicher Weise, aber mit unter Umständen unterschiedlichen Schutzmechanismen. Tierwohl und Menschenwohl ist in der klinischen Forschung immer und grundsätzlich abzuwägen. Nur wer den Unterschied von Tieren und Menschen in moralischer Hinsicht ablehnt, wird eine solche Abwägung für ethisch ungerechtfertigt halten. Ich sehe nicht, wie dies begründet werden kann. Das heißt aber keineswegs, dass Tiere damit moralisch ‚neutralisiert‘ sind. Abwägung meint daher: ernsthafte Begründung (letztlich im Einzelfall beziehungsweise in ähnlich gelagerten Fällen), ob die Forschung an Tieren alternativlos ist und das Tierwohl angemessen berücksichtigt.“

„Allgemein gilt: Grundlagenforschung mit Tieren, auch mit Affen, ist wissenschaftlich notwendig; in engen Grenzen ist sie auch ethisch zu rechtfertigen. So sehen das auch die meisten Länder in ihren rechtlichen Regulierungen – allerdings ist schon lange fraglich, ob Tierforschung in dem Umfang geschehen muss, wie das derzeit der Fall ist. Das heißt: Es gibt nicht so sehr einen ethischen und rechtlichen Dissens, sondern vielmehr eine Praxis, die mit den ethischen Vorgaben nicht im Einklang steht. Dies ist der eine wichtige Kontext, in dem die Forschungen an nicht menschlichen Primaten (non human primates, NHP) diskutiert werden. Der andere ist die Menschenwürde, dazu unten.“

„Für den Fall der NHP gilt: Grundsätzlich muss zunächst die Frage möglich sein, ob die Züchtung von Organen über den ‚Umweg‘ von Tieren einen Ausweg aus der Organknappheit bedeutet. Wenn man diese Frage grundsätzlich positiv beantwortet, bleiben trotzdem noch viele Frage offen – immer gesetzt den Fall, dass Tierschutz und Tierwohl angemessen gewährleistet ist: Gibt es Alternativen? Müssen die Chimären für die Grundlagenforschung zur Geburt gebracht werden oder reicht es aus, sie vorher zu zerstören? Sind die Forschungsinstitute zu Transparenz verpflichtet? Wem gegenüber? Wer kontrolliert die Forschung, wie, wie oft, in welcher Weise? Welche nationalen Regulierungen gewährleisten die Einhaltung von Tierschutz und Tierwohl, Transparenz, und von lokalen ethischen Normen? Werden internationale Regelungen eingehalten? Wie werden sie kontrolliert? Wenn die Grundlagenforschung erfolgreich wäre: Mit welchem Zweck sollen in Zukunft Chimären ‚hergestellt‘ werden – beispielsweise ‚nur‘ für Organspenden oder auch Toxizitätskontrollen für Medikamente? Unter welchen ökonomischen Bedingungen soll die Anwendungsforschung und später die Anwendung möglich sein (not for profit oder for profit)?“

„Jetzt ist die Zeit, um diese Fragen (und sicherlich viele andere) zu beantworten. Wenn es nämlich keine Möglichkeit der Kontrolle gibt, weil verschiedene Länder stark unterschiedliche Ziele verfolgen, dann muss dies Auswirkungen auf die ethische Beurteilung haben.“

Moralische Integrität und die Würde des Menschen. Chimären unterlaufen die Auffassungen zu den Grenzen der Gattung. Die biologische Vermischung von tierischen und menschlichen Zellen beziehungsweise Organen mag gelingen, und dies mag einen klinischen Nutzen mit sich bringen. Aber sie führt ebenfalls zu einer moralischen Ambiguität bezüglich des moralischen Status der Chimären [1]. Wichtig ist es, zu unterscheiden zwischen einer direkten Zuschreibung eines Schutzstatus, der über den Tierschutz hinausgehen würde, und der Auswirkung auf die moralische Integrität, die mit dem Menschsein einhergeht. An dieser Stelle bedarf es gründlicher Analysen, die das Gattungsargument weder auf einen absoluten Schutz etwa eines Embryos, der sowohl tierische als auch menschliche Zellen enthält, verkürzen, noch auf eine absolute Neutralisierung, die sich fast zwangsläufig aus der biologischen Wahrnehmung ergibt.“

„Für eine geborene Chimäre gilt wie für alle menschlichen und nicht-menschlichen Wesen, dass nicht der Körper, sondern die Leiblichkeit sowie die Subjektivität – mit Selbstbewusstsein und einer Lebensgeschichte – den moralischen Status begründet. Dieser ist nicht unabhängig von der Aufnahme in die menschliche Gemeinschaft zu sehen. Insofern sind Zellen oder Organe – auch dann, wenn sie das Gehirn betreffen – im ethischen Sinn nicht ausschlaggebend für den moralischen Status. Genau deshalb ist es auch ein kategorischer Unterschied, ob menschliche Zellen in einen Schweine- oder Affenembryo eingefügt werden.“

Sozialer/kultureller Wertepluralismus. Eine ganz andere Frage stellt sich, wenn man berücksichtigt, dass medizinische Forschung in unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften stattfindet – und daher immer auch Bestandteil von Forschungspolitiken ist. Gesellschaftlich stellt sich aber die Frage, in welchen Kontexten die Herstellung von Chimären stattfindet: dies betrifft zum Beispiel die Bewertung von Tieren gegenüber Menschen, die Bewertung bestimmter Tierarten in unterschiedlichen Kulturen, und insgesamt die Bewertung der Hightech-Medizin im Vergleich zur Basisversorgung.“

Gerechtigkeit. Neben diesem Wertepluralismus muss es eine gemeinsame ethische Orientierung in der medizinischen Forschung geben, die sich nicht am Wettbewerb von Forschungsgruppen, sondern an der globalen Gerechtigkeit auszurichten hat. Nicht die Grundlagenforschung, wohl aber die Anwendung muss mit der allgemeinen Gesundheitsversorgung (und -finanzierung) in Einklang gebracht werden. Daher weitet sich die anfängliche Frage nach Tierschutz und Medizinethik, aber auch die Frage der Werte, auf Fragen der Gerechtigkeit im Gesundheitswesen aus. Kein Aspekt kann alleine die ethische Frage der Zulässigkeit beantworten – aber kein Aspekt darf bei der Beurteilung vernachlässigt werden.“

Prof. Dr. Jochen Taupitz

Geschäftsführender Direktor des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Biomedizin der Universitäten Heidelberg und Mannheim, Universität Mannheim

„Der spanische Forscher Belmonte will offenbar den Ansatz des japanischen Forschers Nakauchi auf nicht menschliche Affen übertragen. Beide geplanten Versuche wären auch in Deutschland erlaubt. Dennoch sind die Experimente von Belmonte kritischer zu beurteilen. Auch wenn in diesem Fall nicht direkt das Erbgut des Affen mit menschlichen Genen angereichert wird (was transgene Tiere/Transgenität bedeuten würde), kann offenbar nicht ausgeschlossen werden, dass die eingebrachten menschlichen Stammzellen ihre Information an die Keimbahn der Affen weitergeben. Wir haben von Seiten des Deutschen Ethikrates schon 2011 gefordert [2], dass Versuche der Erzeugung von transgenen Menschenaffen wegen der nahen Verwandtschaft zu Menschen untersagt werden sollten. Auch bei nicht menschlichen Affen ist eher Zurückhaltung geboten. Die Versuche von Nakauchi halte ich dagegen sowohl ethisch als auch rechtlich für gut vertretbar.“

„Das deutsche Recht enthält keine speziellen Regeln für die Verwendung von iPS-Zellen (induziert pluripotente Stammzellen; Anm. d. Red.), wie es der spanische Forscher Belmonte versucht. Der Versuch wäre auch nicht vom Embryonenschutzgesetz verboten. Das Embryonenschutzgesetz verbietet nur die Übertragung menschlicher Embryonen auf ein Tier, die Herstellung von Mensch-Tier-Mischwesen durch Befruchtung unter Verwendung von menschlichen und tierischen Keimzellen, durch Fusion eines menschlichen und eines tierischen Embryos sowie durch Verbindung eines menschlichen Embryos mit einer tierischen Zelle, die sich mit ihm weiter zu differenzieren vermag. Auch darf kein so erzeugter Embryo auf eine Frau oder ein Tier übertragen werden. Alles das will Belmonte nicht machen.“

„Internationale Rechtsunterschiede sind Ausdruck der jeweiligen staatlichen Souveränität. Es ist deshalb nicht von vornherein verwerflich, wenn Forscher sie auszunutzen. Zum Beispiel erfasst das deutsche Stammzellgesetz ausdrücklich nur den Umgang mit embryonalen Stammzellen, die sich im Inland befinden oder nach Deutschland importiert werden sollen. Deutsche Forscher können sich also ohne die Grenzen des deutschen Rechts zu überschreiten an internationalen Kooperationen beteiligen, bei denen Stammzellen im Ausland verwendet werden. Allerdings haben die Staaten ganz unterschiedliche Möglichkeiten, ihr Recht auch im Ausland zur Geltung zu bringen. So unterliegen etwa deutsche Staatsangehörige und erst recht deutsche Beamte weltweit unter bestimmten Voraussetzungen dem deutschen Strafrecht. So kann beispielsweise Menschenhandel weltweit nach deutschem Strafrecht sanktioniert werden, weil der deutsche Gesetzgeber – vor dem Hintergrund weltweiter Überzeugungen – dies für ein fundamentales Verbrechen hält. Bezogen auf Mensch-Tier-Mischwesen oder auch den Embryonenschutz gibt es aber keinen weltweiten Konsens zum Verbotswürdigen oder Erlaubten. Deshalb ist es sinnvoll, sich insoweit mit den eigenen Moralvorstellungen zurückzuhalten.“

Prof. Dr. Peter Dabrock

Professor für Systematische Theologie/ Ethik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

„Zunächst eine bemerkenswerte Beobachtung: Zunehmend werden nicht echte Forschungsergebnisse, sondern Forschungsvorhaben in der breiten Öffentlichkeit diskutiert. Das passiert teilweise dadurch, dass die Forschenden selbst die Öffentlichkeit suchen, teilweise werden die Forschungsdesigns durch Dritte publik gemacht. Diese Form der Veröffentlichung entspricht zum einen nicht den etablierten Standards der Wissenschaft selbst – viel Hype, aber auch unnötige Angst und Grusel werden verbreitet. Zum anderen trägt dieser Trend – gewollt oder ungewollt – dazu bei, dass sich Wissenschaft früher als gewohnt öffentlicher Kritik stellen muss, aber auch kann.“

„Forschungsvorhaben sind komplex. Deshalb dürfen sie auch ethisch nicht über einen Kamm geschert werden. Dieser Einsicht sollte man sich stellen, wenn man innerhalb von wenigen Tagen von zwei Versuchsanordnungen zu Mensch-Tier-Mischwesen hört. Manches klingt gleich: Beide Vorhaben teilen hochrangige Forschungs- und Anwendungsziele: die Embryonalentwicklung besser zu verstehen und die notorische Organknappheit in der Transplantationsmedizin zu überwinden. Beide stehen unter dem kritischen Vorbehalt der Tierethik: Was darf man mit Tieren zu menschlichen Zwecken machen? Welches Leid dürfen wir Tieren zumuten, damit schwerstkranke Menschen Hoffnung erhalten? Wie bewerten wir diese Versuche im Verhältnis zu unserem sonstigen Umgang mit Tieren (Fleischkonsum oder Haustierhaltung)?“

„Nun weiß man bisher noch wenig über die Versuche des Belmonte-Teams. Entscheidend wird technisch und ethisch sein, ob und wie eine Ausstreuung der menschlichen Zellen in das Gehirn beschränkt wird. Dies zu verhindern, war in der ausführlichen Stellungnahme des Deutschen Ethikrats zu Mensch-Tier-Mischwesen von 2011 als ein ethisch entscheidend zu beachtender Punkt bei Chimärenversuchen identifiziert worden [2]. Über diesen wichtigen Punkt hinaus, zu dem aber noch nicht hinreichend klare Informationen vorliegen, lassen die von den beiden Gruppen jeweils gewählten Verfahren unterschiedliche ethische Einstellungen erkennen: Die Japaner haben angekündigt, Schritt für Schritt vorzugehen, wollen sich extern überwachen lassen und haben eine rote Linie markiert und suchen das Gespräch mit der Öffentlichkeit. Wenn alles so durchgeführt wird, sind dies vorbildliche Schritte für eine Forschung, die von nicht Wenigen wegen der Erinnerung an mythische Figuren als gruselig oder verstörend wahrgenommen wird. Anders dagegen das, was man aus China hört. Wobei man beachten sollte, dass ein noch nicht veröffentlichter Zwischenstand bekannt geworden ist: Der Spanier Juan Carlos Belmonte verlagert seine Forschung nach China, um der strengen Gesetzgebung im eigenen Land zu entgehen. Sein Vorgehen wirft mal wieder die Frage auf, wie man angesichts einer globalen Wissenschaftsgemeinde damit umgehen soll, wenn Forscher sich an einem Projekt beteiligen, das im eigenen Land verboten ist.“

„Belmonte geht aufs Ganze und will gleich Embryonen aus Primat und Mensch herstellen, bei denen alle Ängste vor Mischwesen bedient werden, es jedenfalls zu erwarten ist, dass die Mischbildung auch im Hirn des erzeugten Organismus erfolgt. Er nutzt zwar keine Menschenaffen, aber Primaten, die nicht nur biologisch, sondern auch symbolisch dem Menschen nahestehen. Man muss schon sehr unsensibel sein, um nicht zu ahnen, dass dies gegenwärtig größtes Unbehagen, ja Verstörung auslösen wird.“

„Nun weiß man noch nicht, welche Vorsichts- und Kommunikationsmaßnahmen der Forscher und auch die Überwachungsbehörden getroffen haben. Aus den noch recht spärlichen Informationen gewinne ich derzeit den Eindruck, dass entscheidende Standards der allgemeinen Bioethik (Vorsichtsprinzip, unnötige Schadensvermeidung) und der Tierethik (3R Prinzip) (Replace (Vermeiden), Reduce (Verringern), Refine (Verbessern): Das 3R-Prinzip soll Tierleid zu Versuchzwecken reduzieren; Anm. der Red.) unbeachtet geblieben sind. Eine proaktive Bereitschaft, das Gespräch mit der Öffentlichkeit zu suchen, vermisse ich bisher. Die Versuche von Juan Carlos Belmonte erweisen deshalb einer oft komplexen, aber auf den ersten Blick ebenso nicht selten verstörenden Forschung – gerade im tierexperimentellen Bereich – einen Bärendienst. Die Möglichkeit, noch für Verständnis angesichts hochrangiger Forschungsziele zu werben, wird massiv gefährdet.“

„Das Beispiel zeigt: Mehr Wissenschaftler müssen begreifen, dass sich die Gesellschaft – und sei es im Sinne der Skandalisierung – für ihre Forschungen interessiert. Grundsätzliches Interesse ist doch genau das, was Wissenschaft braucht. Die Forschenden müssen zudem lernen, proaktiv das Gespräch mit der Zivilgesellschaft zu suchen. Sonst riskieren sie, das bitter nötige Vertrauen zu verspielen, das Wissenschaft benötigt – gerade angesichts der zahlreichen gegenwärtigen Krisen, die erkennbar nicht ohne wissenschaftliche Expertise gemanagt werden können.“

Prof. Dr. Rüdiger Behr

Leiter der Abteilung Degenerative Erkrankungen, Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung (DPZ), Göttingen

Relevanz. Die Forschung zu Tier-Mensch-Mischwesen kann für mich zwei erkennbare Ziele haben. Das erste Ziel ist, grundlegende biologische und entwicklungsgeschichtliche (evolutionäre) Fragen zu Verwandtschaftsbeziehungen zwischen (Tier-) Arten auf molekularer, zellulärer und entwicklungsbiologischer Ebene zu beantworten. Dafür sind jedoch keine Tier-Mensch-Mischwesen notwendig. Dazu kann prinzipiell auch mit Tier-Tier-Mischwesen geforscht werden – beispielsweise mit Mischwesen aus zwei Nagetierarten oder zwei Affenarten (wie es Herr Nakauchi nun offenbar tut, wie in der Preprint-Publikation zu sehen [II]; Anm. d. Red.). Allerdings kann man dann natürlich keine menschenspezifischen Eigenschaften erforschen. Die Relevanz von Tier-Mensch-Mischwesen in diesem Forschungsbereich halte ich jedoch insgesamt für sehr gering und vernachlässigbar.“

„Das zweite Ziel ist die Herstellung von Organen aus menschlichen Zellen. Allein in Deutschland sterben statistisch jeden Tag drei Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, aber keines bekommen, da keine Organe verfügbar sind. Insofern ist es ein hochrangiges Ziel, Alternativen zur klassischen Organspende zu erforschen und zu testen, ob sie praxistauglich sind. Die klinische Relevanz dieser Forschung ist hoch. Hier erscheinen mir die aktuell diskutierten Ansätze von Tier-Mensch-Mischwesen neben anderen ebenfalls weiter zu verfolgenden experimentellen Ansätzen sinnvoll.“

Erfolgsaussichten. Man hat in den letzten Jahren sehr viel über Embryonen, Stammzellen und die Interaktion von sich entwickelnden Zellen gelernt. Darüber hinaus ist man technisch auch in der Lage, Zellen auf molekularer Ebene so zu verändern, dass sie sich nach Übertragung auf einen Embryo einer anderen Art vermutlich besser in den Empfängerembryo einfügen können. Insofern gehe ich davon aus, dass die Herstellung einer Affe-Mensch-Chimäre mittelfristig gelingen kann.“

Ethik. Affe-Mensch-Mischwesen nach den Verfahren, die hier diskutiert werden, halte ich für unethisch. Maus-Mensch- oder Schwein-Mensch-Mischwesen müssen aus meiner Sicht aber anders beurteilt werden als Affe-Mensch-Mischwesen. Wichtig ist dabei, einem Missverständnis vorzubeugen, wenn man über Mischwesen spricht: Das, was in Japan geplant ist, ist ein Schwein mit einer Bauchspeicheldrüse aus menschlichen Zellen. Das Schwein sieht aus wie ein normales Schwein und vermutlich wird kein Mensch äußerlich ein solches Schwein-Mensch-Mischwesen von einem normalen Schwein unterscheiden können. Bei einem Schwein-Mensch-Mischwesen zur Herstellung einer Ersatzbauchspeicheldrüse würde der Anteil der menschlichen Zellen geplanter Weise wohl weniger als ein Prozent am gesamten Tier ausmachen.“

„In Schwein-Mensch-Mischwesen sehe ich gute Chancen, bei gleichzeitig sehr geringen Risiken, Organe für Transplantationen herzustellen. Ob diese Art der Herstellung von Ersatzorganen aus menschlichen Zellen und damit die vielleicht einmal möglich werdende Rettung von todkranken Menschen eine ausreichende Rechtfertigung für die Herstellung von Schwein-Mensch-Mischwesen ist, muss jeder einzelne für sich, die Gesellschaft als Ganzes und dann schließlich rechtlich verbindlich der Gesetzgeber für den Geltungsbereich seiner Gesetze entscheiden.“

„Der Vorteil der genetischen Nähe ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass menschliche Zellen im Tierembryo überleben und sich zum gewünschten (Ersatz-) Organ weiterentwickeln, umso größer wird, je näher Versuchstier und Mensch miteinander verwandt sind. Genetisch gesehen ist es also konsequent, menschliche Organe in Affen züchten zu wollen. Doch ich halte es für wahrscheinlich, dass menschlichen Zellen – eventuell nach Modifikation der Zellen oder der Empfängerembryonen – auch in einem sich entwickelnden Schwein überleben und spezifisch gewünschte Organe bilden werden. Und das Schwein hat im Gegensatz zu Makaken, die bei dem aktuell diskutierten Projekt wohl zum Einsatz kommen, einen großen Vorteil: Seine Organe sind größer als die der Makaken und ähneln in ihrer Größe eher denen des Menschen. Und ein Herz aus menschlichen Zellen, das in einem Rhesusaffen herangewachsen ist, hätte nach allem, was heute bekannt ist, die Größe des Herzens des Rhesusaffen. Damit hätte es vermutlich eine zu geringe Größe und Pumpleistung, um in einem erwachsenen Menschen als Ersatzorgan zu funktionieren.“

„Eine aus meiner Sicht grundsätzlich berechtigte Sorge ist, dass die menschlichen Alleskönner-Stammzellen, die in einen Affen- oder Schweineembryo eingebracht werden, sich nicht nur zu einer Bauchspeicheldrüse oder einem Herz entwickeln – selbst wenn die Empfängerembryonen entsprechend genetisch vorbereitet werden. Die Alleskönner-Stammzellen könnten sich nach Übertragung auf einen Embryo möglicherweise auch zu Keimzellen oder Nervenzellen entwickeln und dabei auf Grund der verwandtschaftlichen Nähe mit Affenzellen besser und komplexer interagieren als mit den entsprechenden Zellen des Schweins. Oder anders ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem Gehirn, das aus Zellen des Affen und des Menschen besteht, ein Organ mit unerwarteten neuen Eigenschaften entsteht ist größer, als wenn menschliche Zellen in einem Gehirn des Schweins vorhanden wären. Diese Gefahr ist also umso größer einzuschätzen, je näher der Empfängerembryo mit dem Menschen verwandt ist. Dies ist auch der Grund dafür, warum ich Affe-Mensch-Mischwesen ethisch anders einordne als zum Beispiel Schwein-Mensch-Mischwesen. Bei Affe-Mensch-Mischwesen sehe ich eine größere Gefahr einer echten Mischwesen-Entstehung; dass also nicht nur ein klar abgegrenztes Organ aus menschlichen Zellen in einem Tier entsteht, sondern eine umfangreichere Durchmischung menschlicher und tierischer Zellen im entstehenden Organismus erfolgen könnte.“

„Allerdings gibt es auch hier sehr aussichtreiche und vermutlich sichere genetische Verfahren, um diese Durchmischungsgefahr zu minimieren. Es gibt Gene, die für die Entwicklung von Keimzellen und Nervenzellen aus Alleskönner-Stammzellen notwendig sind. Wenn man solche Gene in den menschlichen Zellen, die in einen Tierembryo übertragen werden sollen, vor der Übertragung in den Embryo funktionsunfähig macht, haben diese Zellen nach menschlichem Ermessen nicht mehr die Fähigkeit, sich zu Keimzellen oder Nervenzellen zu entwickeln. Sie wären aber noch in der Lage, eine Bauchspeicheldrüse oder andere Organe hervorzubringen.“

Recht. In erster Linie ist aus rechtlicher Sicht das Deutsche Embryonenschutzgesetzt von Bedeutung (§ 7 Chimären- und Hybridbildung). Es regelt, dass es verboten ist, menschliche Embryonen mit anderen menschlichen oder tierischen Embryonen zu vereinen. Ferner ist verboten, einen menschlichen Embryo auch nur mit einzelnen Zellen zu verbinden, die eine andere Erbinformation als die Zellen des Embryos enthalten und sich mit diesem weiter zu entwickeln vermögen. Die aktuellen Experimente zu Tier-Mensch-Mischwesen werden mit tierischen Embryonen und menschlichen induzierten pluripotenten (Alleskönner-) Stammzellen durchgeführt. Induzierte pluripotente Stammzellen werden zum Beispiel aus Hautzellen hergestellt und fallen weder unter das Embryonenschutzgesetz noch unter das Stammzellgesetz, das den Umgang mit aus menschlichen Embryonen gewonnenen Alleskönner-Stammzellen regelt. Insofern würde ich als Nicht-Jurist aus diesen beiden Gesetzen dem Wortlaut nach kein Verbot dieser Experimente in Deutschland ableiten. Dem Geist des Embryonenschutzgesetztes widerspricht es meiner Einschätzung aber deutlich, menschliche Alleskönner-Stammzellen in Form von induzierten pluripotenten Stammzellen in Embryonen tierischen Ursprungs zu übertragen und so auf eine andere Weise Tier-Mensch-Mischwesen herzustellen, als es durch das Embryonenschutzgesetz verboten ist.“

„Schließlich ist das Tierschutzgesetz zu beachten. Dies besagt, dass Versuche an Wirbeltieren nur durchgeführt werden dürfen, wenn die zu erwartenden Schmerzen, Leiden oder Schäden der Tiere im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar sind. Die ethische Vertretbarkeit wäre in jedem Einzelfall zu prüfen.“

„Zusätzlich zu den oben schon unter ‚Ethik‘ genannten Argumenten ist eine möglicherweise höhere Leidensfähigkeit der Affen im Vergleich zu Mäusen und Schweinen zu berücksichtigen. Ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass ein Tier-Mensch-Mischwesen besonderen Schmerzen, Leiden oder Schäden ausgesetzt ist, sofern das aus menschlichen Zellen bestehende Organ im Tier normal funktioniert.“

Forschungspolitik. Forschung ist international. Gesetzgebung gilt jedoch nur national. Einige Wissenschaftsgebiete sind in einigen Ländern explizit durch Gesetze geregelt, in anderen Ländern aber nicht. Oder sie sind geregelt, aber auf völlig andere Weise. Im Bereich der Forschung an menschlichen Embryonen brauchen wir nur nach Belgien zu schauen. Dort dürfen menschliche (Präimplantations-) Embryonen in begründeten Fällen sogar speziell für Forschungszwecke hergestellt werden; es werden also nicht nur überzählige Embryonen aus der Fortpflanzungsmedizin genutzt. In Deutschland ist aber selbst die Nutzung überzähliger Embryonen für Forschungszwecke strikt verboten und kann mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden. Insofern brauchen wir nicht bis nach China zu schauen, um in Deutschland als verwerflich geltende oder gar unter Strafe stehende Forschungsprojekte zu erblicken. Ich persönlich halte das Ausweichen in Länder mit anderen rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen für nicht gut. Andererseits kann die Internationalität der Forschung im Verbund mit sehr hohen nationalen rechtlichen und administrativen Hürden dazu führen, dass ‚Wissenschafts-Tourismus‘ gefördert wird.“

„Es ist naheliegend, dass es die Konstellationen gibt, dass europäische Forscher Projekte, die hierzulande vielleicht kaum oder nur mit sehr großem Aufwand durchführbar sind, vor dem Hintergrund eines großen medizinischen Bedarfs und weltweiter wissenschaftlicher Konkurrenz dann in Kooperation mit außereuropäischen Instituten dort durchführen. Ob dies jeweils im Einzelfall gerechtfertigt ist, vermag ich nicht zu beurteilen.“

„Es muss bedacht werden, dass die Durchführung von NHP-Experimenten (Experimenten an nicht humanen Primaten; Anm. d. Red.) außerhalb Europas möglicherweise unter weniger hohen Standards erfolgt, als es hier in Europa möglich wäre. Daher könnte es sich aus Tierschutzsicht, aber auch aus wissenschaftlicher Sicht als kontraproduktiv erweisen, wenn es zu einem Export von Forschungsprojekten mit Affen ins außereuropäische Ausland kommt.“

Prof. Dr. Stefan Schlatt

Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie, Universitätsklinikum Münster

„Forschung an Chimären hat in den vergangenen Jahren viele neue Erkenntnisse erbracht und hilft, die Bildung von Geweben und Organen besser zu verstehen. Es erscheint nach vielen Jahren der Forschung an Versuchstieren und eines weitgehenden Verbots der Versuche unter Einbeziehung menschlicher Zellen nun angebracht, unter immer noch sehr strikten Forschungsbedingungen menschliche Zellen in die Experimente einzubeziehen. Die Ergebnisse in Tieren sind interessant und vielversprechend und es erscheint unter Einhaltung von Vorgaben möglich und ratsam, Chimärenexperimente nun auch mit pluripotenten Vorläuferzellen von Menschen zuzulassen. Der hohe biomedizinische Erkenntnisgewinn und der mögliche Nutzen für medizinische Behandlungen erklären, dass Ethikkommissionen in außereuropäischen Ländern nun zu der Erkenntnis gekommen sind, Chimärenforschung auch mit menschlichen Zellen unter bestimmten Regeln zuzulassen. Sicherlich wird es wichtig sein, in diesen Studien das Verhalten der menschlichen Zellen exakt zu beobachten, um zum Beispiel einen Übergang in die Keimbahn und eine Bildung menschlicher Keimzellen in Chimären zu verhindern.“

„Die Diskussion der Daten des spanischen Forschers Belmonte zu Affen-Mensch Chimären ist sehr oberflächlich und artifiziell, da bisher nur Vermutungen und Verlautbarungen, aber noch keine publizierten Daten zu den Experimenten vorliegen. Erst wenn wissenschaftlich fundierte und überprüfbare Daten der Experimente publiziert sind, sollten die Chancen und Risiken der ziemlich komplexen Experimente fundiert bewertet werden.“

„Im deutschsprachigen Raum ist die Forschung an Chimären erlaubt, allerdings ist der Einsatz menschlicher pluripotenter Zellen sehr eingeschränkt. Sollte Nutzen und Wert der Experimente die möglichen Risiken übersteigen und die zu erwartenden Leiden der Versuchstiere gering sein, erscheint es keine prinzipielle oder legale Hürde zu geben, solche Experimente unter Auflagen hier nicht auch in Europa durchzuführen. Es erscheint natürlich sinnvoll, dass dies bei uns durch die strikten Vorgaben der Tierschutzgesetze unter Prüfung durch Ethikkommissionen und staatlicher Aufsicht der Tierversuche stattfindet.“

„Der Affe ist uns emotional näher. Der Einsatz von nicht humanen Primaten ist ohnehin nur dann angezeigt, wenn wir Durchbrüche für den Menschen erzielen wollen. Auch dies erzeugt Ängste, da die Anwendung am Menschen dann viel wahrscheinlicher wird. Allerdings bildet der Affe die Physiologie und Anatomie des Menschen am besten ab und erscheint aus diesem Grund das am besten geeignete Tiermodell, um Experimente mit hoher klinischer Relevanz durchzuführen, ohne dass Menschen zu Schaden kommen. Es ist verständlich, dass diese Experimente hochgradig umstritten sind, da die Bewertung ihrer Wertigkeit sehr unterschiedlich ausfällt. Hier scheinen in Asien, aber auch in den angelsächsischen Ländern deutlich andere Maßstäbe in der vergleichenden Bewertung der Chancen und Risiken vorzuliegen als in vielen anderen Ländern.“

„Es ist keineswegs überraschend, dass die in Spanien verbotenen Experimente in China durchgeführt wurden. Schon immer gab es unterschiedliche Restriktionen und Einschränkungen der wissenschaftlichen Forschungsfreiheit. Stammzellforscher haben Deutschland verlassen, als es um die Untersuchung embryonaler Stammzellen ging und haben diese Versuche anderswo durchgeführt. Es gibt auch umgekehrt Experimente, die anderswo schwieriger als in Deutschland zu genehmigen sind. Das Prinzip, ethische Grenzen flexibel zu gestalten, erscheint wichtig und richtig – zum Beispiel die Anwendung der Todesstrafe –, fällt allerdings in der Forschung immer nur dann auf, wenn es wie bei den Chimären um ethisch sehr schwierige Sachverhalte geht. Wir sollten Respekt vor den Entscheidungen unserer Ethikkommissionen haben und müssen uns tolerant verhalten, wenn Kommissionen anderer Länder zu anderen Regelungen kommen. An dieser Stelle hilft nur der argumentative Austausch und die ehrliche Bewertung der durch wissenschaftlich saubere Arbeiten generierten Faktenlage.“

Prof. Dr. Wieland Huttner

Leiter der Gruppe „neural stem and progenitor cells and neocortex expansion in development and evolution”, Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (CBG), Dresden

„Man sollte das Potenzial dieses Verfahrens nicht verkennen. Es ist bisher zwar gelungen, iPS-Zellen (induziert pluripotente Stammzellen; Anm. d. Red.) in der Petrischale zu verschiedensten gewünschten Zellen auszudifferenzieren – Neurone, Herzmuskelzellen und weitere. Das ergibt aber noch kein funktionierendes Organ. Der Kernpunkt aus der Sicht eines Mediziners ist: Wenn man das brennende Thema der Organknappheit angehen will, dann braucht man funktionierende Organe. Und wenn man diese Organe in Affen generieren kann, die ja auch für andere medizinisch relevante Untersuchungen eingesetzt werden, dann sehe ich darin kein prinzipielles Problem.“

„Es ist zu früh, endgültig zu sagen, ob es generell besser gelingt, Organe in Affen zu züchten als in anderen Tieren. Aber ich denke, für einen Pilotversuch ist es sinnvoll, diese Technik auch in nicht menschlichen Primaten auszuloten. Man sollte diese Ergebnisse abwarten. Wenn die Generierung von Organen im Schwein genauso gut funktioniert wie im Rhesus-Affen, kann man selbstverständlich auch bei diesem Organismus bleiben und muss nicht unbedingt Affen verwenden. Es kann aber auch sein, dass die Generierung von Organen in nicht menschlichen Affen deutlich besser gelingt. Dann wäre es ethisch unverantwortlich, dieses Verfahren nicht in die reguläre Anwendung zu bringen. Denn im Hintergrund steht immer der Patient, der ohne ein solches Organ stirbt.“

„Wenn man eine Blastozysten-Komplementation (das Einbringen genetischer Informationen in Form von Stammzellen in den frühen Embryo; Anm. d. Red.) machen würde, bei der das Ergebnis ein tatsächlich chimärer Rhesus-Affe ist, dessen Zellen, sagen wir, zu 30 bis 40 Prozent menschlichen Ursprungs sind und sich in allen Organen wiederfinden lassen, fände ich das höchst problematisch. Es sollte jedoch möglich sein, die iPS-Zellen in ihrer weiteren Differenzierung in eine bestimmte Richtung zu lenken beziehungsweise auf bestimmte Zielstrukturen zu verengen, so dass sie sich zum Beispiel spezifisch in Herzmuskelzellen ausdifferenzieren. In diesem Zusammenhang: Wir machen hier am Institut aus iPS-Zellen sogenannte Hirnorganoide, bei denen sich die Zellen nur zu zerebralen Strukturen entwickeln.“

„Es gibt Versuche, bei denen man Rhesus-Affen für bestimmte Gene humanisiert hat, aber das ist eben sehr spezifisch auf ein Gen beschränkt. Als Beispiel könnte man die Arbeit von Bing Su aus China nennen [3], der das menschliche Microcephalin-Gen, das das Gehirnwachstum reguliert, in Rhesus-Affen eingebracht hat. Diese Affen zeigen nicht das, was man erwartet hätte – nämlich, dass sie ein größeres, dem Menschen ähnlicheres Gehirn entwickeln –, sondern sie zeigen eine sogenannte Neotenie, eine verzögerte Entwicklung des Gehirns.“

„In solchen Experimenten transgene Affen zu verwenden, um die Funktion bestimmter menschlicher Gene zu untersuchen, halte ich für legitim. Aber es ist sehr wichtig, das auf einer transienten, also vorübergehenden Basis zu machen. Hinsichtlich der Gehirnentwicklung würde das bedeuten, die Analyse der Veränderungen zunächst auf Föten zu beschränken. Solche Ansätze sollten nicht auf die Keimbahn ausgeweitet werden. Denn würde man aus einem humanisierten transgenen Rhesus-Affen eine Linie züchten, die sich fortpflanzen kann, fände ich das sehr bedenklich.“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Prof. Dr. Hille Haker: „Es bestehen keine Interessenkonflikte.“

Prof. Dr. Jochen Taupitz: „Es besteht kein Interessenkonflikt.“

Prof. Dr. Peter Dabrock: „Ich habe keine Interessenskonflikte.“

Alle anderen: Keine Angaben erhalten.

Primärquelle

Ansede M (31.07.2019): Spanish scientists create human-monkey chimera in China. El Pais. 

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden 

[1] Hübner D (2018): Human-Animal Chimeras and Hybrids: An Ethical Paradox Behind Moral Confusion? The Journal of Medicine and Philosophy: A Forum for Bioethics and Philosophy of Medicine; 43 (2): 187–210. DOI: 10.1093/jmp/jhx036. 

[2] Deutscher Ethikrat (2011): Mensch-Tier-Mischwesen in der Forschung. Stellungnahme. 

[3] Shi L et al. (2019): Transgenic rhesus monkeys carrying the human MCPH1 gene copies show human-like neoteny of brain development. National Science Review; 6 (3): 480-493. DOI: 10.1093/nsr/nwz043. 

Quellen, die vom SMC zitiert wurden

[I] Wu J et al. (2017): Interspecies Chimerism with Mammalian Pluripotent Stem Cells. Cell 168: 473–486. DOI: 10.1016/j.cell.2016.12.036. 

[II] Izpisúa Belmonte JC et al. (2015): Brains, Genes, and Primates. Perspective. Neuron; 86. DOI: 10.1016/j.neuron.2015.03.021. 

[III] Roodgar M et al. (2019): Cross-species blastocyst chimerism between nonhuman primates using iPSCs. Preprint-Publikation auf dem Server bioRxiv. DOI: 10.1101/635250. 

Weitere Recherchequellen

Freedman S (2018): Hopes and Difficulties for Blastocyst Complementation. Nephron; 138: 42–47 DOI: 10.1159/000480370.