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27.09.2018

Klimawandel lässt 2017 mehr extreme Hurrikane entstehen

Anlass

Warme Oberflächentemperaturen im Atlantik und weniger Aerosole in der Luft haben in der Hurrikansaison 2017 dazu geführt, dass sich viele Stürme zu schweren Hurrikanen entwickelt haben. Das schreibt ein US-Forscherteam in der kommenden Ausgabe von „Science“ (*Primärquelle). Die Wissenschaftler hatten die Einflüsse verschiedener Faktoren für die Entstehung der Wirbelstürme mit einem Simulationsprogramm getestet. Die Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass die Oberflächentemperatur des Atlantiks in dieser Saison eindeutig ein wichtigerer Faktor für die Häufigkeit schwerer Hurrikane war, als der zur gleichen Zeit auftretende La Niña-Effekt. La Niña bezeichnet einen anomal kalten Zustand im östlichen äquatorialen Pazifik, El Niño einen anomal warmen. Beide beeinflussen die atmosphärischen Strömungen über dem Atlantik: La Niña begünstigt Hurrikane über dem Atlantik, El Niño unterdrückt sie. Daher galt La Niña bisher als Ursache für die Zahl der heftigen Hurrikane.Die Forscher vermuten, dass es künftig zu einer größeren Zahl schwerer Hurrikane kommen wird, wenn die Oberflächentemperatur des Atlantiks durch Treibhausgase weiter aufgeheizt werde. Diese Entwicklung zeigt sich bereits in den aufgezeichneten Daten.

Übersicht

  • Prof. Dr. Anders Levermann, Professor für die Dynamik des Klimasystems, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Potsdam, und Columbia University, NY, USA
  • Prof. Dr. Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg

Statements

Prof. Dr. Anders Levermann

Professor für die Dynamik des Klimasystems, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Potsdam, und Columbia University, NY, USA

„Die Physik ist klar: Wir können zwar nicht exakt berechnen, wo Hurrikane entstehen und welchen Pfad sie genau einschlagen werden. Aber wir wissen, dass sie stärker werden, wenn sie über einen wärmeren Ozean ziehen. Deshalb müssen wir immer zerstörerischere Hurrikane erwarten, je mehr wir den Planeten aufheizen. Jetzt haben Kollegen aus den USA erstmals gezeigt, dass diese physikalische Gesetzmäßigkeit schon so stark ist, dass man sie in den Daten beobachten kann. Ökonomische Abschätzungen haben gezeigt, dass die Hurrikan-Schäden schneller ansteigen als das Pro-Kopf-Einkommen in den betroffenen Gebieten der USA – ein Beispiel dafür, dass man den Wettlauf mit dem ungebremsten Klimawandel nicht gewinnen kann.“

Prof. Dr. Jochem Marotzke

Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg

„Die Arbeit ist ausgezeichnet. Sie benutzt ein sehr hoch auflösendes Modell, in dem, wie vorher von denselben Autoren gezeigt wurde [1], auch Hurrikane der stärksten Kategorien 4 und 5 simuliert werden können. In der neuesten Arbeit zeigen die Autoren, dass die häufigen starken Hurrikane während der Saison 2017 nicht, wie bislang angenommen, hauptsächlich durch das im Pazifik stattfindende La Niña-Phänomen begünstigt wurden, sondern durch die besonders hohen Oberflächentemperaturen im tropischen Nordatlantik. Dass dieser Einfluss bestehen könnte, war zwar spekuliert, bislang aber nicht nachgewiesen worden.“

„Die neue Arbeit liefert auch einen Beleg für künftig häufigere starke Hurrikane im Atlantik, allerdings mit drei wesentlichen Einschränkungen, die auch alle in der Arbeit diskutiert werden. Erstens war der hauptsächliche Einfluss in der Saison 2017 nicht die allgemeine (globale) Erwärmung, sondern die starke relative (im Vergleich zum globalen Mittel) Erwärmung im tropischen Nordatlantik – und wir wissen nicht, wie sich diese relative Erwärmung mit dem Klimawandel entwickeln wird.“

„Zweitens können auch in Zukunft häufigere und stärkere El Niño-Ereignisse im Pazifik die Hurrikane im Atlantik unterdrücken – und wir wissen nicht, wie sich El Niño mit dem Klimawandel ändern wird. Und drittens erwarten wir, dass sich die Atlantikzirkulation mit dem Klimawandel abschwächen wird und zu einer relativen Abkühlung des tropischen Nordatlantiks führen könnte – aber wir wissen nicht, wie stark dieser Effekt sein wird.“

„Zu einem möglichen Einfluss auf Europa macht die Studie keine Aussage. Eine solche wäre auch sehr schwer zu treffen, denn ein Einfluss auf Europa hängt auch sehr stark von den Änderungen in den allgemeinen Strömungsverhältnissen über dem subpolaren Nordatlantik und Europa ab, und hier sind die Ungewissheiten besonders groß [2].“

Angaben zu möglichen Interessenkonflikten

Alle: Keine angegeben.

Primärquelle

Murakami M et al. (2018): Dominant effect of relative tropical Atlantic warming on major hurricane occurence. Science. DOI: 10.1126/science.aat6711

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Murakami H et al. (2015): Simulation and prediction of category 4 and 5 hurricanes in the high-resolution GFDL HiFLOR coupled climate model. J. Climate; 28, 9058-9079. DOI: 10.1175/JCLI-D-15-0216.1

[2] Shepherd, T. G., 2014: Atmospheric circulation as a source of uncertainty in climate change projections. Nature Geoscience; 7, 703-708. DOI: 10.1038/NGEO2253