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Wie interpretiere ich die Ergebnisse des Operation Explorers?

Die Suche im Operation Explorer führt häufig zu beeindruckenden Karten mit erheblichen regionalen Unterschieden. Um diese Karten richtig zu interpretieren, gibt es allerdings ein paar Dinge zu beachten. Wir helfen Ihnen gern im persönlichen Kontakt weiter. Für den Fall, dass Sie selbst mit dem Tool arbeiten wollen, haben wir in diesem Dokument die wichtigsten Punkte zusammengestellt, die Ihnen bei der Interpretation der Karten und Daten helfen. 

So kompliziert dies beim ersten Lesen alles klingen mag: Eine fundierte Recherche mit dem Operation Explorer ist mit etwas Erfahrung möglich und erlaubt Journalisten erstmals Einblicke in die stationäre Versorgung auf regionaler Ebene. Je häufiger man das Tool nutzt, desto sicherer wird man in der Beurteilung der Ergebnisse. Vor einer Veröffentlichung empfehlen wir trotzdem, mit uns Kontakt aufzunehmen. Wir haben inzwischen viel Erfahrung mit Analyse und Interpretation der Daten und vernetzen Sie, wenn gewünscht, auch mit Fachleuten, die letzte Zweifel ausräumen können. Ihre Recherchethemen behandeln wir natürlich vertraulich. 

Hier die wichtigsten Interpretationshilfen:

1. Das Ambulante mitdenken

Die Daten beinhalten ausschließlich Operationen, Prozeduren und Diagnosen von vollstationären Patienten. Das bedeutet: Patienten, die ambulant behandelt worden sind – ob im Krankenhaus oder bei niedergelassenen Ärzten – sind in dem Datensatz nicht abgebildet. Das heißt: Je weniger ein Eingriff ambulant durchgeführt oder eine Krankheit diagnostiziert wird, desto aussagekräftiger ist die Karte im Hinblick auf die komplette Versorgungswirklichkeit in Deutschland. Je häufiger aber ein Eingriff ambulant durchgeführt wird (oder eine Diagnose gestellt wird), desto mehr verliert die Karte an Aussagekraft. Man sieht dann nur einen Teil der Versorgung, nämlich den, der in den Krankenhäusern stationär stattfindet. 

Zur Beurteilung einer Karte zu einem ausgewählten OPS-Code sollte ich daher wissen: Wie häufig wird der Eingriff ambulant gemacht? Sind konkrete Zahlen nicht auffindbar, reicht zur ersten Einschätzung auch eine Internet-Recherche mit dem jeweiligen Eingriff als Suchstichwort. Wird die Operation von niedergelassenen Ärzten angeboten, wird sie vermutlich häufig ambulant durchgeführt. Als Faustregel gilt: Je komplizierter und größer der Eingriff, desto seltener wird er ambulant gemacht. So werden kleine Operationen an der Hand hauptsächlich ambulant durchgeführt. Der Einbau von Knieprothesen dagegen wird ausschließlich stationär gemacht. 

Bei den Diagnosen (ICD-10-Codes) muss das Ambulante fast immer mitgedacht werden. Ein Großteil aller Krankheiten wird, solange sie nicht in einem gefährlichen Stadium sind, phasenweise  ambulant behandelt. Diese Patienten sind in den Zahlen der Krankenhausstatistik dann logischerweise nicht enthalten. Die Diagnosedaten der Krankenhausstatistik liefern also fast nie ein vollständiges Bild der diagnostizierten Krankheiten in Deutschland. Sie zeigen aber, wo eine Krankheit im Krankenhaus behandelt wird. Dunkelrote Hotspots können also ein Zeichen dafür sein, dass in einem Kreis besonders viele schwer erkrankte Patienten leben, die nicht mehr ambulant behandelt werden können. Die Hotspots können aber auch ein Hinweis darauf sein, dass die ambulanten Strukturen in der Region schwach ausgeprägt sind. 

2. Code-Familien finden

Einige Eingriffe und Diagnosen sind nach medizinischer Logik in mehrere Codes aufgeteilt. Das bedeutet, dass man alle Codes kennen muss, um die Krankheit oder den Eingriff komplett zu erfassen.  

Beispiel Schlaganfall: Gibt man in das Suchfenster im Explorer das Stichwort „Schlaganfall“ ein, schlägt das Tool den Code I64 „Schlaganfall, nicht als Blutung oder Infarkt bezeichnet“ vor. Das ist ein richtiger Code. Tatsächlich aber gehören auch noch die Codes I60, I61 und vor allem I63 dazu. Denn der Begriff „Schlaganfall“ ist ein Sammelbegriff für ein neurologisches Krankheitsbild, hinter dem verschiedene Ursachen stehen. 

Als Laie ist es schwierig, Code-Familien ausfindig zu machen. Beschäftigt man sich umfassend mit einem speziellen medizinischen Thema, findet man Literatur, die dabei hilft. Wenn man es sicher wissen will, muss man einen Klinik-Arzt aus dem Bereich oder einen versierten Versorgungsforscher fragen. Wir vermitteln hier gern. 

3. Kleine Fallzahlen beachten

Der Operation Explorer warnt bei extrem kleinen Fallzahlen, dass die Interpretation der Daten schwierig ist. Doch auch Fallzahlen, die auf den ersten Blick so niedrig nicht sind, bergen Risiken, wenn man bis auf die Kreisebene schaut. 

Beispiel: Die radikale Prostataentfernung wird zur Zeit in Deutschland pro Jahr etwa 20.000 mal durchgeführt. Das klingt nicht wenig. Geteilt durch die rund 400 Kreise und kreisfreien Städte aber bleiben im statistischen Mittel nur rund 50 Patienten pro Kreis und Jahr übrig. Das bedeutet zum Einen, dass die Fallzahl-Klassen in solchen Fällen recht eng beieinander liegen. Das führt dazu, dass hinter den unterschiedlichen Farbwerten in der Karte gar nicht so unterschiedliche Werte liegen. Zum Anderen haben in solchen Fällen kleine Veränderungen der Fallzahlen in einem Kreis von einem Jahr zum nächsten schnell große Auswirkungen auf die statistischen Werte. Bei höheren Gesamtfallzahlen sind die statistischen Werte in den Kreisen stabiler und damit einfacher zu interpretieren. 

4. Kleine Einwohnerzahlen beachten

Nicht nur die Fallzahlen variieren sehr je nach Eingriff oder Diagnose, auch die Einwohnerzahlen in den Kreisen sind extrem unterschiedlich. Dünn besiedelte Kreise mit unter 100.000 Einwohnern werden deutlich häufiger zufällig statistisch auffällig als Kreise mit mehreren Hunderttausend Einwohnern. 

5. Die geografische Zuordnung der Daten im Kopf haben

Wie schon im Daten-FAQ ausführlich erläutert: Die Daten beziehen sich geografisch auf den Erstwohnsitz des Patienten, nicht auf den Sitz des Krankenhauses, in dem der Eingriff gemacht oder die Diagnose gestellt wurde. Das bedeutet: Wird ein Patient aus München in München operiert, wird der Fall in München gezählt. Wird derselbe Patient in Regensburg operiert, wird er trotzdem in München gezählt. Ich sehe also auf der Karte, wie viele operierte Patienten in München wohnen. Ich sehe nicht, wie viele Patienten in München operiert wurden. Das mag für manche Recherchen ein Nachteil sein, hat aber auch einen großen Vorteil: Das typische Argument, in einem Kreis sei die Fallzahl nur deshalb so hoch, weil dort eine Fachklinik ansässig sei, zählt bei diesen Daten nicht. Da sich viele Patienten wohnortnah versorgen lassen, gibt es aber häufig in Kreisen mit vielen Operierten auch Kliniken, die viel operieren. Das kann man in den Qualitätsberichten der Kliniken nachprüfen, in denen die Kliniken angeben müssen, welche Operationen sie wie häufig machen. 

6. Fälle und Patienten unterscheiden

Die Fälle in der Krankenhausstatistik und damit auch im Operation Explorer sind nicht gleichbedeutend mit der Zahl der Patienten. Das liegt daran, dass viele Codes pro Patient mehrfach abgerechnet werden können oder sogar müssen. In der Krankenhausstatistik werden diese Codes zum Zweck der Anonymisierung von ihrer Bezugsgröße, dem Patienten, getrennt. Für einen Patienten, der am Rücken operiert wurde, können möglicherweise zehn Codes abgerechnet worden sein, die unterschiedliche Schritte des Eingriffes abbilden. In der Krankenhausstatistik bleiben davon am Ende zehn Codes übrig. Wie viele Patienten dahinterstehen, weiß man nicht. 

7. Datenfehler einkalkulieren

Die Daten unterliegen im Statischen Bundesamt einer Qualitätsprüfung. Auch wir prüfen die Daten und fragen bei Auffälligkeiten im Statistischen Bundesamt nach. Ein typisches Zeichen für einen Datenfehler ist der Wertabfall eines Kreises bei vielen oder allen Eingriffen und/oder Diagnosen von einem Datenjahr zum nächsten. Ursache ist häufig, dass nicht alle Krankenhäuser eines Kreises ihre Daten geliefert haben. Falls wir Auffälligkeiten übersehen haben, freuen wir uns über einen Hinweis.

8. Code-Änderungen einkalkulieren

Die OPS- und die ICD-10-Code-Systematiken werden jedes Jahr überarbeitet und den neuen medizinischen Entwicklungen angepasst. Meist sind die Änderungen geringfügig. Manchmal kommen aber komplett neue Codes hinzu – oder es fallen welche weg. Das führt dazu, dass die Fallzahlen nach der Änderungen nicht mehr mit den Zahlen aus der Zeit vor der Änderung vergleichbar sind. Das sollte man vor allem dann mitbedenken, wenn man Entwicklungen über mehrere Jahre darstellen will. Ob sich etwas geändert hat, kann man beim DIMDI in Erfahrung bringen. Dort sind alle OPS- und ICD-10-Systematiken der letzten Jahre hinterlegt, so dass man sie problemlos vergleichen kann. Wir helfen hier auch gern weiter. 

Viel Spaß und Erfolg bei der Recherche wünscht das SMC-Team!