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04.04.2017

Bei Frühgeborenen chronischer Lungenerkrankung mit Hydrocortison vorbeugen

Anlass

Hydrocortison könnte bei Frühchen ein geeignetes Mittel zur Prävention der Bronchopulmonalen Dysplasie sein – und zwar ohne neurologische Nebenwirkungen. Das ist das Ergebnis einer Studie, bei der zu früh geborene Kinder sehr früh und präventiv entweder niedrig dosiert das Steroid Hydrocortison oder ein Scheinpräparat erhalten hatten.

Die Bronchopulmonale Dysplasie (BPD) ist die häufigste Komplikation bei Frühgeborenen. Meist durch eine künstliche Beatmung hervorgerufen oder verstärkt, verursachen Entzündungen in der Lunge einen erhöhten Sauerstoffbedarf, Anfälle von Atemnot und eine vermehrte Schleimproduktion bei den Neugeborenen. Etwa 15 bis 30 Prozent der Frühchen unter 1000 Gramm Geburtsgewicht oder einer Schwangerschaftsdauer von weniger als 28 Wochen erkranken an einer BPD. Bisher gilt die Gabe von Vitamin A oder Koffein als eine mögliche Strategie, der BPD vorzubeugen. Wenn ein Frühchen eine BPD entwickelt hat, wird üblicherweise als Therapie Dexamethason verabreicht: ein anderes Steroid, das allerdings die neuronale Entwicklung stören und somit zum Beispiel zu einer Zerebralparese führen kann.

Für Hydrocortison liegt seit 2016 eine umfangreiche Wirksamkeitsstudie vor [3]. In JAMA publizierten dieselben Autoren eine Follow-Up-Studie bis zum zweitem Lebensjahr der behandelten Frühgeborenen (*Primärquelle).

 

Übersicht

  • Prof. Dr. Sascha Meyer, Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg
  • Prof. Dr. Dirk Bassler, Professor für Neonatologie an der Universität Zürich und Direktor der Klinik für Neonatologie, Universitätsspital Zürich, Zürich

Statements

Prof. Dr. Sascha Meyer

Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie, Universitätsklinikum des Saarlandes

„Für mich sind die Ergebnisse stichhaltig und nicht allzu überraschend. Die Dosis des Hydrocortisons war niedrig gewählt und somit war von keiner relevanten Toxizität oder keinen relevanten Nebenwirkungen auszugehen. Es ist auch bekannt, dass die Bronchopulmonale Dysplasie (BPD) mit einem eher schlechten neurologischen Outcome assoziiert ist und eine Reduktion der BPD dann ja auch mit einem besseren neurologischen Ergebnis einhergehen sollte.“

„Spätestens wenn diese Ergebnisse in einer weiteren Studie reproduziert werden können, werden sie Eingang in eine neue Leitlinie finden. Sicherlich wird man noch die Ergebnisse zum Zeitpunkt fünf bis sieben Jahre abwarten (Die Studienautoren haben solche in dieser Veröffentlichung angekündigt, Anm. d. Red.). Dann sind auch mögliche kognitive Defizite besser zu erfassen, zum Beispiel hinsichtlich der Einschulung der Probanden.“

„Der neurologische Befund ist bei solchen Studien ja meist ein sekundäres Outcome-Parameter und dafür nicht entsprechend ‚gepowert’. Das ist natürlich immer eine gewisse Schwäche. Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse ermutigend. Außerdem muss man festhalten, dass eine Nachuntersuchungsrate von 379 der ursprünglich 406 Probanden nun wirklich keine schlechte Rate ist!“

Prof. Dr. Dirk Bassler

Professor für Neonatologie an der Universität Zürich und Direktor der Klinik für Neonatologie, Universitätsspital Zürich

„Die Lungen von Kindern, die zu früh auf die Welt kommen, sind sehr empfindlich. Etwa die Hälfte der Kinder, die vor der 28. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen (normal wäre die 40. Woche) entwickeln daher eine chronische Lungenerkrankung, die schwerwiegende Auswirkungen auf das weitere Leben der betroffenen Kinder haben kann [1]. Zu den möglichen Folgen der chronischen Lungenerkrankung, die auch Bronchopulmonale Dysplasie (BPD) genannt wird, gehören der Tod im Säuglingsalter und die Beeinträchtigung der weiteren geistigen und körperlichen Entwicklung.“

„An der Entstehung der BPD sind häufig Entzündungsvorgänge unterschiedlichster Ursachen beteiligt. Und Glukokortikoide, die zur Gruppe der Steroidhormone gehören, besitzen antientzündliche Eigenschaften. Daher bieten sich Glukokortikoide, wie zum Beispiel das Dexamethason oder das Hydrocortison prinzipiell zur Vorbeugung oder Behandlung der BPD an. Allerdings haben klinische Studien mit früh verabreichtem Dexamethason zur Vorbeugung der BPD ergeben, dass man so zwar die BPD-Häufigkeit reduzieren kann, allerdings kann insbesondere die frühe Dexamethason-Behandlung mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein, die auch die neurologische Langzeitentwicklung der Kinder betreffen [2].“

„Aus diesem Grund ist die Evaluation einer alternativen Behandlung mit Hydrocortison, das einen anderen Wirkmechanismus als das Dexamethason besitzt, für die Frühgeborenenmedizin von großem Interesse. Die Zusammenfassungen bisher vorliegender Studien in sogenannten Metaanalysen zeigen jedoch, dass frühes Hydrocortison weder einen Einfluss auf die chronische Lungenerkrankung noch auf die weitere neurologische Entwicklung der Kinder zu haben scheint [2].“

„Die französische Studie, deren Langzeitergebnisse jetzt in JAMA veröffentlicht wurde, hatte bereits im Vorfeld gezeigt, dass früh gegebenes und niedrig dosiertes Hydrocortison die Überlebenswahrscheinlichkeit von Frühgeborenen ohne chronische Lungenerkrankung erhöhen kann [3]. Dieser Nachweis war das primäre Ziel der Studie. Jetzt wurden weitere sekundäre Untersuchungsergebnisse der behandelten Kinder im Alter von zwei Jahren veröffentlicht und es zeigt sich, dass Hydrocortison weder einen positiven noch einen negativen Effekt auf die neurologische Entwicklung der behandelten Kinder zu haben scheint.“

„Wenn man von den Tatsachen absieht, dass diese Langzeituntersuchung nicht das primäre Ziel der Studie darstellte und dass in die Studie weniger Kinder eingeschlossen wurden, als ursprünglich vorgesehen, sind die Langzeitergebnisse glaubwürdig und vielversprechend.“

„Allerdings kann man die jetzt in JAMA publizierten Langzeitergebnisse noch nicht als endgültigen Beweis dafür werten, dass früh gegebenes und niedrig dosiertes Hydrocortison die BPD-Häufigkeit reduziert und dabei wirklich keinen Einfluss auf die neurologische Entwicklung der behandelten Kinder hat. Diese Ergebnisse sollten erst durch weitere internationale Studien bestätigt werden, bevor Behandlungsempfehlungen für den klinischen Alltag zum Beispiel in Leitlinien abgegeben werden können.“

Mögliche Interessenkonflikte

Prof. Dr. Dirk Bassler: „Ich bin selbst Leiter einer großen internationalen Studie, die den Einfluss von inhalierten Glukokortikoiden auf das Überleben von Frühgeborenen ohne BPD untersucht und deren primäre Ergebnisse 2015 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurden (Bassler D et al. Early Inhaled Budesonide for the Prevention of Bronchopulmonary Dysplasia. N Engl J Med 2015;373:1497-1506).”

Alle: Keine angegeben.

Primärquelle

Baud O et al. (2017): Association Between Early Low-Dose Hydrocortisone Therapy in Extremely Preterm Neonates and Neurodevelopmental Outcomes at 2 Years of Age. JAMA 317(13):1329-1337. DOI: 10.1001/jama.2017.2692.

Literaturstellen, die von den Experten zitiert wurden

[1] Stoll BJ (2015): Trends in care practices, morbidity, and mortality of extremely preterm neonates, 1993-2012. JAMA 314(10):1039-1051. DOI: 10.1001/jama.2015.10244.

[2] Doyle LW et al. (2014): Early (< 8 days) postnatal corticosteroids for preventing chronic lung disease in preterm infants. Cochrane Database Syst Rev (5):CD001146. DOI: 10.1002/14651858.CD001146.pub2.

[3] Baud O et al. (2016): Effect of early low-dose hydrocortisone on survival without bronchopulmonary dysplasia in extremely preterm infants (PREMILOC): a double-blind, placebo-controlled, multicentre, randomised trial. Lancet Vol. 387, No. 10030, p1827–1836. DOI: dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(16)00202-6.