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30.03.2017

Auslöser für wiederkehrende Blasenentzündungen gefunden

Anlass

Viele Frauen leiden an wiederkehrenden Harnwegsinfekten – oft nach sexueller Aktivität. Der häufigste Erreger einer Blasenentzündung ist das Bakterium Escherichia coli. Eine Erklärung für die wiederkehrenden Infektionen ist, dass das Bakterium intrazelluläre Reservoirs in der Harnblasenwand bildet, in denen es Immunreaktionen oder einer Antibiotikatherapie entgehen kann. Unklar war bisher, welche Umstände einen erneuten Ausbruch hervorrufen. US-Wissenschaftler wollen diesen Trigger nun gefunden haben: das Bakterium Gardnerella vaginalis, das in geringen Keimzahlen in der Vaginalflora vorkommt. In ihrer Studie zeigen sie im Mausmodell, dass das Pathogen das Blasenepithel schädigt. Damit wird Escherichia coli aus den Reservoirs freigesetzt und kann eine erneute Infektion hervorrufen.

 

Übersicht

  • Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln
  • Prof. Dr. Dr. André Gessner, Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene, Universitätsklinikum Regensburg

Statements

Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer

Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln

„Das Bakterium Gardnerella vaginalis ist als ein Verursacher der Scheidenentzündung, der Vaginosis bekannt. Die Studie von Gilbert et al. legt nahe, dass dieser Erreger auch verantwortlich sein kann für rezidivierende (wiederkehrend; Anm. d. Red.) Blasenentzündungen – eine viele Frauen betreffende Erkrankung, gegen die es bisher keine wirksame Prophylaxe gibt. Die Autoren zeigen im Mausmodell, dass Gardnerella vaginalis, das alleine in der Blase keine Symptome verursacht, dem häufigsten Erreger von Blasenentzündungen, Escherichia coli den Weg ebnen und damit indirekt eine Infektion hervorrufen kann. Sie sehen diesen ‚versteckten‘ Mechanismus als ein neues Modell für die Entstehung von Infektionen überhaupt an, das auch für andere Organe bedeutsam sein könnte. Weitere Studien am Menschen werden diesen möglichen Zusammenhang belegen müssen. Wenn er sich bestätigt, stünden damit neue Wege zur Infektionsprophylaxe bei Blasenentzündungen offen: Diese Erkrankung könnte dann durch Beeinflussung der vaginalen Bakterienflora, zum Beispiel durch spezielle Antibiotika, verhindert werden.“

Prof. Dr. Dr. André Gessner

Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene, Universitätsklinikum Regensburg

„Harnwegsinfektionen gehören weltweit zu den häufigsten ambulant behandelten Infektionskrankheiten der Frau. Fast zehn Prozent der in Praxen verordneten Antibiotika werden aufgrund von Harnwegsinfektionen verschrieben und ein Viertel der betroffenen Frauen erleidet bereits innerhalb von sechs Monaten eine erneute Blasenentzündung (rezidivierende Harnwegsinfektionen). Die Infektion ist in den allermeisten Fällen durch uropathogene (Harnwegsleiden verursachend; Anm. d. Red.) Escherichia coli (E. coli) Bakterien verursacht, unklar ist aber bislang, welche Mechanismen oder Faktoren die auch nach Sexualkontakten gehäuft auftretenden Blasenentzündungen begünstigen.“

„Die Arbeitsgruppe von Amanda Lewis aus den USA hat in sehr aufwändigen Mausexperimenten untersucht, welchen Einfluss Vaginalbakterien auf die Infektionsentstehung und deren Verlauf nehmen. Gardnerella vaginalis Bakterien, die bei vielen gesunden Frauen in der Scheide nachweisbar sind, führen, wenn sie in die Harnblase gelangen, zu Entzündungsprozessen und Epithelschädigungen. Diese bereiten den Boden für das Auftreten oder Wiederaufflammen einer Blasenentzündung durch E. coli. Im Unterschied dazu sind andere Vaginalbakterien – in dieser Untersuchung Lactobacillus crispatus – nicht schädigend, eventuell sogar schützend.“

„Wenn sich diese Untersuchungen, die mit vielfältigen und modernen Methoden – von der Elektronenmikroskopie, Mikrobiologie bis zur Immunhistologie – im Tierexperiment durchgeführt wurden, bei Patientinnen bestätigen lassen, sind neue Therapieansätze, die auf die ‚Wegbereiter-Effekte‘ bestimmter Vaginalbakterien zielen, zur Verhinderung oder Behandlung rezidivierender Harnwegsinfekte gut vorstellbar.“

Mögliche Interessenkonflikte

Alle: Keine angegeben.

Primärquelle

Gilbert NM et al. (2017): Transient microbiota exposures activate dormant Escherichia coli infection in the bladder and drive severe outcomes of recurrent disease. PLOS Pathogens. DOI: 10.1371/journal.ppat.1006238.

Weitere Recherchequellen

Hiergeist A & Gessner A (2017): Clinical implications of the microbiome in urinary tract diseases. Curr Opin Urol. 27(2):93-98. DOI: 10.1097/MOU.0000000000000367.